Unter einer Craniomandibulären Dysfunktion (CMD) werden sämtliche muskosklettalen Beschwerden im Kiefergelenk zusammengefasst, wie sie teilweise auch in anderen Körperregionen vorkommen.1 Neben dem Zahnschmerz ist die CMD das am weitesten verbreitete Beschwerdebild im Zusammenhang mit der Gesichtsregion.2

CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion)

Die Craniomandibuläre Dysfunktion steht für eine Fehlfunktion des Craniomandibulären Systems (CMS). Dieses umfasst den menschlichen Kauapparat, welcher ein komplexes System vieler verschiedener Funktionsabläufe beinhaltet. Die Hauptaufgabe des CMS ist die Verantwortlichkeit für das Öffnen und Schließen des Kiefers. Dabei kann es bei einer Dysfunktion des CMS weit über eine reine Störung des Kauapparats hinausgehen und viele weitere Beschwerden hervorrufen. Gegenseitige Abhängigkeit und Interdependenzen kennzeichnen die Systembeziehungen, wobei Störungen an einem Glied des Beziehungsgefüges alle Komponenten des Systems beeinflussen.3

CMD Zug

Sie können sich dieses System als Gefüge vorstellen, dass einem Zug ähnelt. Kommt ein Wagon ins Schlingern oder versagt die Lokomotive, beeinflusst dies zwangsläufig alle weiteren Bestandteile des Systems. Deshalb können im weiteren Verlauf der Funktionsstörung myofasziale Schmerzen, Beschwerden der Halswirbelsäule, Tinnitus oder auch Spannungskopfschmerzen auftreten.4,5,6,7

Dieser Artikel versucht anhand eines Beispiels zu verdeutlichen, welche unterschiedlichen Zusammenhänge bei einer CMD existieren. Mit dem Wissen, dass alle einzelnen Faktoren für sich stehen können, aber auch immer im direkten Bezug zu anderen Systemen verstanden werden müssen, soll dem Leser ein Mehrwert im Verständnis für die Zusammenhänge vermittelt werden.

Die Manifestation der Craniomandibulären Dysfunktion findet in diesen vier Bereichen statt:

  • Neuronale Rezeptoren und Steuerungssysteme8
  • Muskeln, Sehnen und Faszien8
  • Kiefergelenk mit seinen knöchernen Anteilen und deren knorpeligem Überzug, mit seinem Diskus, Band- und Kapselapparat8
  • Zähne und Aufbiss (Okklusion)8

Neuronale Rezeptoren und Steuerungssysteme

Das Beispiel von Peter Beißer, der unter chronischem Stress leidet und bei dem aus diesem Grund eine CMD diagnostiziert wurde, soll vereinfachend darstellen, wie sich der Krankheitsweg einer CMD in den einzelnen systemischen Bestandteilen manifestiert und welche Wechselwirkungen innerhalb des Craniomandibulären Systems bestehen.

Der Ausgangspunkt ist hier der Trigeminusnerv, welcher Teil des neuromuskulären Systems ist. Dieser Nerv zählt, je nach Definition, zum Craniomandibulären System. Der Trigeminusnerv ist die Verbindung vom Gehirn zu den Muskeln und übernimmt dabei die Aufgabe funktionsgerechte Abläufe in sogenannte Bewegungsmuster abzuleiten.6 Durch die Funktionsstörung wird der Trigeminusnerv von Peter einer unnatürlichen Anspannung ausgesetzt. Das allein würde zu keinerlei Komplikationen bezüglich des Kiefers führen, wenn nicht eine direkte Verbindung zu den Kiefermuskeln bestehen würde.

Kiefermuskulatur, Sehnen und Faszien

Der neuronale Impuls wird somit an die Muskulatur weitergegeben und dort in Bewegungsmuster umgesetzt. Im Fall von Peter Beißer bedeutet das eine massive Anspannung der Muskulatur. Dies wird auch als muskuläre CMD bezeichnet. Er leidet unter Kaumuskelschmerzen. Diese sind durch einen dumpf-drückenden, manchmal ziehenden Charakter gekennzeichnet, weisen eine geringe bis mittlere Intensität auf und werden oft von einer eingeschränkten Bewegungskapazität des Unterkiefers begleitet.2

Manifestation von CMDDie muskuläre Anatomie umfasst lediglich 3 Muskeln, welche für das Schließen des Kiefers verantwortlich sind. Diese Muskeln sind der M. masseter, der M. temporalis sowie der M. pterygoideus medialis. Die aufgeführten Muskeln haben allesamt ihren Ursprung am knöchernen Schädel. Das Öffnen des Mundes erfolgt über einen wesentlich komplexeren Muskelapparat, welcher mehr als zehn verschiedene Muskeln aus völlig unterschiedlichen Arealen benötigt, die primär ihren Ursprung außerhalb des Schädels haben.5,8,9

Sekundäre Symptome einer CMD

Peters Muskelschmerz könnte sich nun durch das Ineinandergreifen verschiedener Muskelketten auf andere Körperstrukturen ausweiten, wie z.B. auf Zähne, Kiefer- und Kopfgelenke, auf den Mundbogen im Zusammenhang mit den entsprechenden Faszien, das Mittelohr, die Schläfen und die Augen.1,10

Der Grund dafür ist in den angesprochenen Faszien, den Weichteilkomponenten des Bindegewebes zu finden, die den ganzen Körper als ein umhüllendes und verbindendes Spannungsnetzwerk durchdringen. Hierzu gehören alle kollagenen, faserigen Bindegewebe, insbesondere Gelenk- und Organkapseln, Sehnenplatten, Muskelsepten, Bänder und Sehnen. Diese faserigen Bindegewebsschichten sind ähnlich der Muskeln in der Lage zu kontrahieren. Kommt es zu einer Fehlfunktion, sind in der Regel durch den systemischen Zusammenhang des Spannungsnetzwerks, auch weitere Systeme beeinflusst.11,12

Bei Peter äußert sich die ausgeprägte CMD auch in Beschwerden der Halswirbelsäule durch Verspannungen in der angrenzenden Muskulatur. Er steht morgens auf, hat Nackenschmerzen sowie Kopfschmerzen und fühlt sich erschöpft.13

Kiefergelenk, Diskus sowie der Band- und Kapselapparat des Kiefers

Durch den Stress, den Peter verspürt, entsteht eine erhöhte Muskelanspannung, welche bei ihm nicht auf beiden Kieferseiten in gleicher Form vorhanden ist. Somit kommt es in der Praxis bei muskulären Funktionsstörungen nicht selten zu arthrogenen CMD Komplikationen.8 Durch die Befestigung der Muskeln an den Kieferknochen und -gelenken manifestiert sich eine asymmetrische Positionierung des Unterkiefers, ausgelöst durch die unterschiedliche Zugkraft der Muskeln und ungleichmäßige Belastungen.

Eine Störung im Gelenkapparat (Arthron) des Kiefers macht sich vor allem durch die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und Knackgeräusche in der Kauapparatur bemerkbar. Arthrogene Funktionsstörungen sind Fehlfunktionen der Gelenke, anatomische Fehlstellungen oder Entzündungen. Das Gelenk kann aber auch als Auslöser der Fehlfunktion angesehen werden. Eine genetische Veranlagung oder ein Trauma in Verbindung mit einem Unfall kann eine Schädigung hervorgerufen haben.14

Zähne,  Okklusion & Aufbiss bei einer Craniomandibulären Dysfunktion

Bisher weiß Peter, dass mit ihm möglicherweise etwas nicht stimmt, aber Muskelkater und Knackgeräusche in den Gelenken veranlassen ihn noch nicht zum Handeln. Letztlich kann Peter nicht direkt sehen, dass das Ausbleiben therapeutischer Maßnahmen zu irgendwelchen Konsequenzen führt. Doch langsam wendet sich das Blatt. Peter beginnt den Druck, der durch die Muskeln aufgebaut wird, auf seine Zähne zu übertragen. Peter bemerkt dabei, dass sich seine Zähne mehr und mehr abschleifen. Morgens bei seinem ersten Kaffee hat er neben den Muskelschmerzen nun auch noch schmerzempfindliche Zähne. Gleiches bemerkt er, wenn er mal wieder vertieft in seine Arbeit, bei schwierigen Berechnungen am PC die Zähne aufeinander presst.

CMD Therapie

Im Zusammenhang mit einer Craniomandibulären Dysfunktion wird regelmäßig die Rolle der Okklusion, d.h. dem Kontakt zwischen den Zähnen des Ober- und Unterkiefers, kontrovers diskutiert. Während der Einfluss der Okklusionsbeziehung auf die Körperhaltung als wahrscheinlich gilt, konnte ein Kausalzusammenhang zwischen der Okklusion und einer CMD bislang nicht wissenschaftlich eindeutig belegt werden.15,16,17,18

Diagnostik von CMD und Therapie

Die diagnostische Zuständigkeit bei einer Craniomandibulären Dysfunktion beschränkt sich in der Regel auf den Zahnarzt bzw. Kieferorthopäden. Die Zielvorstellung liegt in der Entlastung der Kiefergelenke sowie einer Entspannung der Kiefermuskulatur. Die therapeutischen Maßnahmen umfassen Beißschienen zum Schutz der Zähne, medikamentöse Einflussnahme sowie physiotherapeutische Maßnahmen und Akkupunktur, um die erwünschte Linderung der Symptome zu erzielen.8,12

Craniomandibuläre Dysfunktion & Bruximus

Generell gilt es, das Krankheitsbild bei entsprechender Diagnostik so früh wie möglich umfangreich zu therapieren, da eine andauernde Fehlfunktion, eine zunehmende negative Veränderung des gesamten CMS zur Folge haben kann.11 In der Diagnostik und Therapie einer CMD sowie der hiermit verbundenen Erkrankung Bruxismus ist es wichtig, dass Zahnarzt und Physiotherapeut eng zusammenarbeiten, um so früh wie möglich das Krankheitsbild in seiner Komplexität zu erfassen und effektiv behandeln zu können.19 An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Bruxismus (unbewusstes Zähneknirschen und Zähnepressen) und einer CMD noch nicht abschließend geklärt ist, jedoch scheinen beide Krankheitsbilder einander zu begünstigen.15

Quellen (Artikel CMD):

  1. Schindler HJ, Türp JC: Myalgie der Kiefermuskulatur. Der Schmerz 2009; 3: 303–312.
  2. Schindler HJ, Türp JC, Nilges P, Hugger A: Therapie bei Schmerzen der Kaumuskulatur, Aktualisierung der Empfehlungen. Der Schmerz 2013; 27: 243–252.
  3. Kopp S, Sebald WG: Kraniomandibuläre Dysfunktion – Versuch einer bewertenden Übersicht. Manuelle Medizin 2008; 46: 389-392.
  4. Camparis CM, Formigoni G, Teixeira MJ, Siqueira JTT de: Clinical evaluation of tinnitus in patients with sleep bruxism: prevalences and characteristics. Journal of Oral Rehabilitation 2005; 32: 808-814.
  5. Lahme J, Reiter R-.Bewegungsapparat und Kausystem – Spannungsfeld zwischen Orthopäde und Zahnarzt. Manuelle Medizin 2006; 44: 17-19.
  6. Slavicek, Rudolf (2000): Das Kauorgan, 1. Auflage, Klosterneuburg: GAMMA.
  7. Vielsmeier V, Strutz J, Kleinjung T, Schecklmann M, Kreuzer PM, Landgrebe M, Langguth B: Temporomandibular Joint Disorder Complaints in Tinnitus: Further Hints for a Putative Tinnitus Subtype. PLOS ONE 2012; 7.
  8. Kopp S, Sebald WG, Plato G: Kraniomandibuläre Dysfunktion: Eine Standortbestimmung. Manuelle Medizin 2000, 38: 335-341.
  9. Ariji Y, Katsumata A, Ogi N, Izumi M, Sakuma S, Iida Y, Hiraiwa Y, Kurita K, Igarashi C, Kobayashi K, Ishii H, Takanishi A, Ariji E: An oral rehabilitation robot for massaging the masseter and temporalis muscles: a preliminary report. Oral Radiology 2009; 25: 53-59.
  10. Plato, G: Der Weg zur Chronifizierung der kraniomandibulären Dysfunktionen (CMD). Die Sicht des Orthopäden/Manualtherapeuten. Manuelle Medizin 2008; 46: 384-385.
  11. Myers TW (2010): Anatomy Trains – Myofasciale Leitbahnen, 2. Auflage, München: Urban & Fischer Verlag.
  12. Schleip R: Die Bedeutung der Faszien in der manuellen Therapie. Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2004; 1: 10-15.
  13. Schupp W: Kraniomandibuläre Dysfunktion und deren periphere Folgen – Eine Literaturübersicht. < Manuelle Medizin 2005; 43: 29-33.
  14. Baumann A, Lotzmann U 1999: Farbatlanten der Zahnmedizin, Bd.12, Funktionsdiagnostik und Therapieprinzipien, Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
  15. Luther F: TMD and occlusion part II. Damned if we don’t? Functional occlusal problems: TMB epidemiology in a wider context. British Dental Journal 2007; 202: E3.
  16. Türp JC, Schindler H: The dental occlusion as a suspected cause for TMDs: epidemiological and etiological considerations. Journal of Oral Rehabilitation 2012; 39: 502 – 512.
  17. Ohlendorf D, Friedrich F, Bollwein H, Karrasch-Busse D, Kopp S: Effekte einer Okklusionsschiene auf die Oberkörperstatik beim HWS-Syndrom. Manuelle Medizin 2013; 51: 218-224.
  18. Manfredini D, Castroflorio T, Perinetti G, Guarda-Nardini L: Dental occlusion, body posture and temporomandibular disorders: where we are now and where we are heading for. Journal of Oral Rehabilitation 2012; 39: 463-471.
  19. Toledo EG de, Silva DP, Toledo JA de, Salgado IO: The Interrelationship between Dentistry and Physiotherapy in the Treatment of Temporomandibular Disorders. The Journal of Contemporary Dental Practice 2012; 13: 579-583.